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Blick aus Brüssel „Meine Überzeugung, dass in Deutschland wenig funktioniert, sitzt mittlerweile sehr tief“

Deutschland hinkt in Sachen Bargeld, Bürokratie und Verkehrswende hinterher. Quelle: imago images

Ein innovatives Industrieland, in dem alles funktioniert? Das ist lange her. Seit 20 Jahren beobachtet die EU-Korrespondentin der WirtschaftsWoche in Brüssel, wie ihr Geburtsland den Anschluss verliert. Eine Glosse.

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Als mein Vater im Sterben lag, brach mein Telefongespräch im Zug laufend ab. Auf der Strecke zwischen den Großstädten München und Stuttgart bestand kein Handy-Empfang. Aber immerhin verkehrte der Zug. Als ich Monate zuvor ans Sterbebett meiner Mutter eilte, fiel der ICE ohne Angabe von Gründen aus.

Drei Jahre ist das her, und seitdem nehme ich Deutschland als Land wahr, in dem immer weniger funktioniert. Die Infrastruktur? Marode. Die Digitalisierung? Fast nicht vorhanden. Die Behörden? Ineffizient. Ich erkenne das Land, aus dem ich vor 20 Jahren weggezogen bin, nicht wieder.

Als ich in Belgien ankam, türmten sich im Finanzamt die Akten so hoch, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie die je bearbeitet würden. Heute deklassiert das kleine Belgien seinen großen Nachbarn in vielen Bereichen. Ausgerechnet Belgien, wo eine Regierungsbildung schon mal so lange dauert, dass sie den Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde schafft. Ein Land, dessen Föderalismus den deutschen an Komplexität übertrifft und das dauerhaft mit einem Berg an Staatsschulden kämpft.

Wer für den Job ins Ausland geht, hat oft einen anderen Blickwinkel auf den Berufsalltag als die Kollegen. Expats in Deutschland verraten, was sie bei der Arbeit überrascht und was in ihrer Heimat besser läuft als hier.
von Nora Sonnabend

Aber schon während der Pandemie zeigte sich in Flandern, der Wallonie und Brüssel der Vorteil einer digitalisierten Verwaltung. Impftermine erhielt ich damals im Netz, so wie mir heute mein Hausarzt Rezepte elektronisch auf den Personalausweis schickt. Eine elektronische Gesundheitsakte verschafft allen behandelnden Ärzten den Überblick.

Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt bei einer Behörde war. Den Parkausweis verlängere ich vom Sofa aus. Genauso kann ich kann mir dort mit einem Klick meine Rentenansprüche ausrechnen lassen.

Deutsche Behörden finden es dagegen ganz normal, zwei identische Formulare zu schicken mit dem Hinweis, diese doch bitte per Hand auszufüllen. Offenbar verfügt das zuständige Amt noch nicht einmal über eine Fotokopiermaschine. Aber wahrscheinlich wurde der Datenschutz peinlich genau beachtet.

Es sind kleine Dinge, die mich bei Besuchen in Deutschland überraschen. In der Berliner Straßenbahn stehe ich jedes Mal aufs Neue ratlos vor dem Kartenautomaten, der ausschließlich Münzen akzeptiert. In der Tram in Brüssel reicht eine Bankkarte aus, um ein papierloses Ticket zu lösen.

Meine Überzeugung, dass in Deutschland wenig funktioniert, sitzt mittlerweile sehr tief. Wenn ich von Belgien nach Frankreich fahren will, vermeide ich Züge, die aus Deutschland kommen. Das Risiko einer Verspätung ist zu groß. „Was ist bei euch da eigentlich los?“, höre ich in Brüssel oft, wenn wieder einmal jemand entnervt von einer Deutschland-Reise zurückkommt.

Ausländer assoziieren Deutschland immer noch mit Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Als ich kürzlich in der langen Schlange vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen BER stand, fiel mir auf, dass sich nur noch die Ausländer über die schlechte Organisation wunderten. Die Deutschen haben sich offenbar längst an den neuen Normalzustand gewöhnt.

Was läuft in Deutschland falsch? Aus der Ferne fasziniert mich die Prozessorientierung in Deutschland. Fest eingespielte Abläufe scheinen wichtiger als das Ergebnis zu sein. Zu beobachten ist das bei der öffentlichen Verwaltung genauso wie in Unternehmen. Als Kundin bekomme ich eine langatmige Erklärung, was falsch gelaufen sei, statt eine schnelle Problemlösung. Was die deutschen Dysfunktionalitäten wirklich unangenehm macht, ist der Mangel an Improvisation. Im Zweifel siegt die Vorschrift.

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Die Belgier sind besser, weil sie sich nicht für die Besten halten. Sie schauen ins Ausland, lassen sich von anderen inspirieren, weil auch die gute Ideen haben könnten. Wahrscheinlich schützt Weltoffenheit vor Besserwisserei. Wer weiß, wie es anderswo zugeht, wird nicht behaupten, dass der eigene Ansatz die einzig glückselig machende Methode sei.

Ich nenne Deutschland mittlerweile eine Bananenrepublik. Lange sagte ich das im Spaß. Aber der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat aufgedeckt, dass deutsche Politiker über Jahre empfänglich für die Avancen aus anderen Ländern waren. Ein Ex-Kanzler, der zum Lobbyisten einer fremden Macht mutiert, passt leider perfekt in eine Bananenrepublik.

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